Michel Debout: Das Trauma Arbeitslosigkeit. Alarmierender Gesundheitszustand von Fünfmillionen Menschen. Paris 2015.

Vorbemerkung
Das Problem, auf das der Verfasser aufmerksam machen will, ist das der Übersterblichkeit von Erwerbslosen. Deren durchschnittliche Lebenserwartung sei um ca. ein Jahr geringer als die ununterbrochen Erwerbstätiger. Debout nimmt an, dass in erster Linie die mit der Erwerbslosigkeit einhergehenden psychischen Belastungen den vorzeitigen Tod von Betroffenen herbeiführten, konkret, dass die Suizidrate unter Erwerbslosen weit höher liege, als dies in der Gesamtbevölkerung der Fall ist – kurz: dass die durchschnittlich geringere Lebenserwartung von Erwerbslosen im Wesentlichen auf Selbsttötungen zurückzuführen sei.
Da die diese Vermutung stützenden empirischen Daten rar und wenig belastbar sind (Kapitel 1), konzentriert Debout sich darauf, seine Annahme argumentativ plausibel zu machen (ebd.), um dann in Kapitel 2 politische Forderungen abzuleiten.

1. Abschnitt: Die Datenlage mit Verweise auf
o (15) einen Artikel in The Lancet, Financial Crisis, Austerity and Health in Europe, April 2013: Finanzkrise und Rezession hätten insbesondere in England sowie in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal eine Zunahme der Selbstmorde, vorwiegend unter Erwerbslosen, geführt;
o (49) Maurice Halbwachs, Les causes du suicide, Paris 1930 : Weltwirtschaftskrise habe in den USA 1931/32 einen Anstieg der Suizidzahl verursacht, der allerdings, wie Halbwachs betont, einer kollektiven „allgemeinen Beklemmung“ geschuldet sei und gerade nicht auf individuelle Verzweiflungstaten von „Arbeitslosen oder Bankrotteuren“ zurückgehe;
o (50) eigene Recherche: Vortrag Debout, Précarité et suicide, 2009 unveröff. :
Anteil der psychisch erkrankten Personen unter
a) den Angehörigen der „sozial am besten abgesicherten Schichten“: 9%
b) den Angehörigen der „sozial am schlechtesten abgesicherten Schichten“: 41%
c) - den Fürsorgeempfänger_inne_n: 69%
Von den karitative Einrichtungen in Anspruch nehmenden Personen haben
d) 50% einen Selbstmord in Erwägung gezogen (21% der Gesamtbevölkerung)
e) 33% „ernsthaft“ daran gedacht sich umzubringen (9% der Gesamtbevölkerung)
f) wurden 15% wegen eines Selbstmordversuchs behandelt (3% der Gesamtbevölkerung)


Folgerung Debouts: « La prévention du risque suicidaire chez le chômeur constitue donc une priorité de santé publique ». (51)

Nach Erscheinen des Buchs Debouts, im Frühjahr 2015, veröffentlicht das « Institut für Gesundheitsforschung » Frankreichs ff. Rechercheergebnisse:
g) Die allgemeine Selbstmordrate steigt in denjenigen Teilen Frankreichs, die nach 2008 einen Zuwachs der Erwerbslosen um 10% zu verzeichnen haben, um 1,8 bis zu 2,6 Prozent.
h) 2008 – 2010 begehen 584 Personen in ganz Frankreich Selbstmord, weil sie erwerbslos geworden waren (jeder Fall geprüft).
i) 20.000 Personen sterben pro Jahr indirekt an den Folgen von Erwerbslosigkeit (Alkohol- und Tabakmissbrauch).
(Daten Insem, Studie über 10 Jahre „mehrere tausend ältere Arbeitslose“/Quelle: Brändle in: FR 2015)

2. Abschnitt: Die idealtypische Erwerbslosenbiographie
Subjektive Wahrnehmung
Ankündigung Entlassung > Gefühl der Vernichtung, gedemütigt, weniger als nichts wert zu sein

Vollzug Entlassung > Innere Leere, Eindruck, ohne Ort zu sein >
j) PTBS-Symptome (Appetitverlust, Schlafstörungen, Albträume, emotionale Verwirrung …)
k) Scham- und Schuldgefühl
l) Gefühl, versagt zu haben, ohnmächtig zu sein > Verlust Selbstwertgefühl > Beginn depressiver Episode

gesteigerter/unkontrollierter Konsum von Alkohol, Tabak, Drogen, Medikamenten (Schlafmittel, Antidepressiva)
wird durch wiederholte Fehlversuche bei der Jobsuche potenziert bis hin zu vollständigem Verlust des Selbstwertgefühls
Auswirkungen auf das familiale Umfeld
m) Versuch Erwerbslosigkeit zu verbergen > systematischer Betrug des Partners/der Partnerin
n) partnerschaftlich ausgehandelte/wahrgenommene Rollenverteilung (beide tragen zu Familieneinkommen bei) gerät aus dem Gleichgewicht > Depression
o) Erwerbslose_r ist nicht in der Lage, fremdbestimmte Strukturvorgaben im Tagesablauf durch eigene zu ersetzen > Vernachlässigung der eigenen Person/des häuslichen Umfelds > negative Selbstwahrnehmung > Depression

fünf Jahre nach der Entlassung von 680 Beschäftigten bei Continental waren 250 von ihnen geschieden; „es gab mehrere Selbstmorde“ (26).
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt
= Verschuldung: Kreditaufnahmen sind insbesondere dann unausweichlich, wenn Erwerbslose versuchen,
p) ihre Situation zu camouflieren
q) den gewohnten Lebensstandard ihrer Familie zu bewahren

Überschuldungsspirale: einen Kredit durch die Aufnahme eines weiteren decken

stete Angst vor Inkassounternehmen > Verlust des Vertrauens in die Zukunft > Verlust des Glaubens an Unsterblichkeit > Suizidrisiko steigt

3. Abschnitt: Politische Forderungen
Debout entwirft ein soziales Problem - das der spezifischen Risikolage Erwerbsloser - welches als solches, als soziales, im Sinne von gesellschaftlich relevant, bisher nicht wahrgenommen werde. Im dritten Kapitel unternimmt er etwas, was niemand sonst unternimmt: In seinem zweiten Kapitel weist er Wege auf, auf denen die besonderen gesundheitlichen, zumindest latent lebensbedrohlichen Risiken während der Erwerbslosigkeit minimiert werden könnten. Debout fordert:
Den Aufbau eines medizinischen Präventionssystems für Erwerbslose (Entsprechung zu präventiven Gesundheitsdiensten, wie sie in Frankreich für zahlreiche Gruppierungen/weite Teile der Bevölkerung bereits bestehen). Unmittelbar nach Eintritt in die Erwerbslosigkeit habe eine medizinische Risikoabwägung zu erfolgen, der sich regelmäßige, halbjährlich zu vollziehende Kontrolluntersuchungen anschließen. Nach max. zwei Jahren entscheidet eine Abschlussuntersuchung, mit Hauptaugenmerk auf die psychische Verfassung, auf mögliche Gefäß- und Stoffwechselerkrankungen, darüber, ob die Kontrollierten in ständige fachärztliche Betreuung übergehen sollten. Finanziert werden solle das Präventionssystem durch die Arbeitslosenversicherung. Debout sieht eine freie Wahl des Arztes/der Ärztin vor, verlangt aber auch die obligatorische Teilnahme an dieser „Begleitung“, wie sie „in Frankreich allen Personen mit Eingliederungsschwierigkeiten eröffnet wird“ (FNARS).

Entschädigungszahlungen an alle Personen, die sich vor dem Verlust ihrer Erwerbstätigkeit fürchten. Debout orientiert sich mit dieser Forderung an einem seit September 2013 bestehenden Rechtsanspruch auf Entschädigung für die Ängste solcher Erwerbstätiger, die mit gesundheitsgefährdenden Stoffen arbeiten und fürchten, Folgeschäden davonzutragen. Ob sich die Befürchtung realisiert, ist unerheblich für den Rechtsanspruch. Gleiches soll für die Angst vor dem Verlust der Erwerbstätigkeit gelten.

Einen Gesellschaftsvertrag, ein staatlich unterhaltenes Abkommen, das alle Menschen von Beginn einer Ausbildung bis zum Ruhestand, selbst darüber hinaus, einbindet, das ruht, sobald eine Person eine Erwerbstätigkeit aufnimmt, und sofort wieder auflebt, wird diese Person erwerbslos. Dieser Gesellschaftsvertrag beinhaltet ein breites Spektrum gemeinnütziger Arbeit (Gesundheit, Pflege, Sport Kultur Vereinswesen …); ihm beizutreten ist der individuellen Entscheidung überlassen. Ein solcher Gesellschaftsvertrag gewährleiste, dass die von vielen Menschen als dramatische Ausnahmesituation erlebte Entlassung und Erwerbslosigkeit im kollektiven Bewusstsein zu dem werde, was diese Situation unterdessen faktisch sei: eine Massen treffende, nur zuweilen episodisch bleibende, in der Regel wiederkehrende, häufig anhaltende Periode der Normalbiographie des 21. Jahrhunderts.

Maßnahmen, die vor hoffnungsloser Überschuldung vieler Erwerbsloser und den damit verbundenen schweren psychischen Belastungen schützen:

der euphemistische Begriff „Kredit“ sei bei Strafe zu untersagen; allein der angesichts der horrenden Zinsforderungen angemessene Terminus „Geld-Verkauf“ sei zuzulassen;

Schuldner_innen müssen selbst die Aufnahme in die Kartei „Nicht kreditwürdig“ betreiben können, um einer drohenden Schuldenspirale zu entgehen;

Zugangserleichterungen zu seriösen Einrichtungen, die Mehrfachkredite zusammenfassen und abwickeln;

Verbot derzeit gängiger, auch von Banken geübter bedrängender Inkasso-Praktiken.

Die Einrichtung einer Kammer „Finanzkriminalität“ am Internationalen Gerichtshof, um das kriminelle Finanzgebaren, das die Massenarbeitslosigkeit verursacht habe, zu ahnden und ihm hinfort vorzubeugen.      

LiFo 12.07.2015, 11.00 Uhr - Buchvorstellung und Diskussion mit apl. Prof. Dr. Angela Taeger, CvO Universität Oldenburg

Ort: Donnerschweerstr. 55

Die Kampfansage gegen Massen- und Langzeiterwerbslosigkeit zählt (nicht nur) in Frankreich inzwischen zum festen Inventar von Partei- und Regierungsprogrammen jeglicher couleur. Alle dabei ins Feld geführten Waffen haben sich bisher als stumpf erwiesen: seit den 1970er Jahren ist die Zahl der französischen Erwerbslosen ununterbrochen auf derzeit 5,3 Millionen angewachsen.

Warum sind so viele Menschen ausgebrannt?
Konstruktionistische Überlegungen zur Verbreitung des burnout

Prof. em. Helge Peters

 17.03.2013, 11.00 Uhr

in den Räumen der ALSO, Donnerschweerstr. 55

Die Zahl der Burnout-Fälle nimmt in den vergangenen Jahren stark zu. Üblicherweise wird diese Entwicklung mit Hinweisen auf Wandlungen der Arbeitswelt erklärt.

Depression, Burnout: Zum Verhältnis von Subjekt und Akkumulationsregime im Postfordismus

Linkes Forum Oldenburg & Beratungsgruppe der ALSO

 27.01.13, 11.00 Uhr. Räume der ALSO, Donnerschweerstr. 55

 

Die Zahl der Menschen mit Depression oder Burnout steigt, folgt man den Statistiken, in den letzten Jahren deutlich an. Die WHO schätzt, dass bis 2020 Depression weltweit Krankheit Nr. 1 werden wird. Die Zahl der Anträge auf Frührente wegen Depression oder Burnout hat sich in Deutschland im letzten Jahrzehnt verdoppelt (con ca. 20 % auf ca. 40 %), psychische Störungen allgemein sind inzwischen die Hauptursache von Frührente.

Arbeitssoziologen stellen den Zuwachs von psychischen Störungen bei Beschäftigten in den direkten Zusammenhang zu einem veränderten Organisationsprinzip (indirekte Steuerung), das mit Hilfe der "Subjektivierung" in der Arbeit verwirklicht wird. Epidemiologisch ist Burnout in Berufen ohne einfach messbare Produktivität (d.h. einer materiell messbare Warenmenge) deutlich überrepräsentiert, steigt überproportional mit wachsendem Lebensalter, sozialer Schichthöhe, um nach Erreichen der Rente massiv zu sinken.

Anhand von solchen statistischen Zahlen und Fällen aus der psychotherapeutischen Praxis bzw. der Beratungsarbeit der ALSO wollen wir uns den folgenden Fragen nähern:

Handelt es bei den gestiegenen Zahlen um eine Form von individuellem Widerstand gegenüber unerträglichen Arbeitsbedingungen oder ist das Individuum mit der geforderten Selbstoptimierung zur Befriedigung hoher Rentabilitätsansprüchen schlichtweg überfordert?

Gibt es eine Beziehung zwischen veränderten Arbeitsbedingungen („Dienstleistungssektor“ statt Industriearbeit) und Häufigkeit und Form von psychischen Störungen und worin könnte diese bestehen? Oder sind Depression/Burnout einfach  Modethemen, die die wachsende Institutionalisierung von Psychotherapie begleiten? Welche Formen des Widerstandes ließen sich aus dem Burnout Erleben ableiten: Kann die Wahrnehmung von erlebter Ungerechtigkeit  hier noch handlungsleitend sein oder steht dabei  der Wunsch nach "Resonanz"(Hartmut Rosa) bzw. "Aneignung" (Rahel Jaeggi) als Motiv im Vordergrund?

 

(weitere Texte und Material im Mitgliederbereich unter Kapitalismus Theorie)